12. März 2007Erster Spatenstich zu Totalsanierungen?

Montag, 12. März 2007

09:00 Uhr – Es wird gegraben

Ich erhalte ein Telefon aus Schönenbuch. In der Nähe der Chemiemüll-Deponie Le Letten werde gegraben. Machen Novartis, Ciba und Syngenta den ersten Spatenstich der Totalsanierungen?

13:30 Uhr – Es stinkt

12.3.2007 13:30 Niemand trägt eine Schutzausrüstung

Ein Kameramann ist vor Ort, filmt die Szenerie. Trotz Chemiemüll-Gestank trägt niemand eine Schutzausrüstung (Gasmaske, Dichte Overalls, Handschuhe).

14:00 Uhr – Mit blossen Händen angefasst

12.3.07 14:00 Chemiemüll-Stück ohne Handschuhe und ohne Schutzmaske präsentiert.

Ein Arbeiter zeigt mit blossen Händen ein Stück des stinkenden Chemiemülls. Auch er trägt keine Gasmaske, wie auf einem Video zu sehen ist (vgl. Sendung “Schweiz aktuell” 14.3.07).

16:15 Uhr – Nitrobenzol

Endlich habe ich es selbst bis vor Ort geschafft. TV-France 3 Alsace wartet seit mehr als einer halben Stunde auf mich.

Erstaunlich, dass die Baustelle nicht besser abgesperrt ist. Ein grosser Bagger belädt einen Lastwagen mit stinkigem Chemiemüll. Unmöglich, mich länger als 30 Sekunden näher als 10 Meter aufzuhalten. Es stinkt bestialisch. “Nitrobenzol” geht es mir durch den Kopf.

Arbeit ohne Schutzvorrichtungen.

Die Arbeiter scheint der Gestank wenig zu beeindrucken. Niemand trägt eine Gasmaske. Schutzanzug auch nicht. Nicht einmal Handschuhe.

17:00 Uhr – “Besuch” einer Schulklasse

Die Fernsehleute wollen ein Interview in der Nähe der Grabungsstelle aufnehmen. Muss abwinken – wir gehen 50 Meter weiter weg. Doch bevor die Aufnahme starten kann, kommt eine Schulklasse dem Waldrand entlang zu laufen. Genau auf die stinkende offene Deponie zu. Kaum zu fassen. Glücklicherweise sagt ihnen einer der zwei Arbeiter, sie sollen einen kleinen Umweg im Wald machen, damit sie nicht gleich unmittelbar am Gitter also am Loch vorbeigehen. Ein Junge sagt “hier riecht es nach Marzipan”. Ein spezieller Marzipan ist das. Und ein weiteres Indiz auf Nitrobenzol.

Wo bleiben die Sicherheitsvorkehrungen?

Vor der Kamera erkläre ich, dass ich sehr erstaunt bin, über das was hier abläuft. Normalerweise müsste man wichtige Schutzmassnahmen ergreifen, bevor man in einer solchen Deponie anfängt zu wühlen, z.B. gute Gasmasken und entsprechende Vollschutzkleidung für die anwesenden Leute und Abdichtung der Chemikalien gegenüber der Luft (mit Abluftreinigung).

Hier ist beides nicht gemacht worden. Auch gegenüber dem Grundwasser wurde Grundwasser keine Dichtung erstellt.

17:30 – “Alles muss weg”

Ein freundlicher Ingenieur erklärt mir auf deutsch – mit sympathischem Französischakzent “Alles muss weg – da unten ist Wasser, wenn es nicht sofort weg kommt wird’s gefährlich”. Er erzählt, es müsse zwei Meter tief gegraben werden. Er meint damit die Stelle links vom Weg (15 X 20 Meter in der Ausdehnung), also die Stelle wo der Bauer seinen Acker bestellen wollte und dann das Zeugs zum Vorschein kam. Am Vormittag hatte er noch angenommen es müsse ein Meter und am Dienstag würde er sagen vier bis sechs Meter tief ausgehoben werden. (Ôltere EinwohnerInnen von Schönenbuch und Allschwil erinnern sich an eine zwanzig Meter tiefe Grube…).

17:45 Uhr – Kopfschmerzen eines Ingenieurs

Weil ich mich oft um die Gesundheit der Menschen sorge, frage ich ihn nach seinem Wohlbefinden, konkret: “Haben sie keine Kopfschmerzen?” Er antwortet: “Ein bisschen schon.” Er bestätigt meinen Verdacht auf Nitrobenzol. Das sei aber nicht so gefährlich (siehe Wikipedia-Link…). Als er beim nächsten Mal in die Nähe des offenen Giftmülls geht, zieht er eine Gasmaske an. Ich bin nicht gerade erleichtert, aber doch froh, dass er sich minimal schützt.

20:00 Uhr – Forderung nach Stopp des Aushubes

Noch am selben Abend werden die französichen Behörden kontaktiert mit der Forderung, die Grabarbeiten, in dieser Weise, wie sie jetzt stattfinden (ohne Sicherungsmassnahmen) einzustellen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die französischen Behörden eine solche “Hauruck”-Ausgrabung gestattet haben.

So habe ich mir den ersten Spatenstich von Novartis und Co. nicht vorgestellt.

Abgelegt unter Chemie-Probleme, Fakten | 2 Kommentare

2 Kommentare

14. März 2007 um 23:47 hitsch Kommentar:

und das meint das Schweizer Fernsehen dazu:
http://www.sf.tv/var/videoplayer.php?videourl=http%3A%2F%2Freal.xobix.ch%2Framgen%2Fsfdrs%2Fchak%2F2007%2Fchak_03142007.rm%3Fstart%3D0%3A03%3A07.168%26amp%3Bend%3D0%3A06%3A24.362

Erstaunlich wie die Balsler Chemie immer noch nicht gelernt hat….

4. Oktober 2007 um 19:01 Cia&Friends » Blog Archiv » Novartis bedroht meine Heimat Kommentar:

[...] Nachdem ich die Chemiemüll Deponie Le Letten bei Basel verlassen habe, wurde ich von ein paar Greenpeace-SympathisantInnen aufgenommen und führe seither ein anständiges Hundeleben. Lange wartete ich auf Neuigkeiten und plötzlich hiess es: Die Bagger kommen. [...]

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