18. Februar 2007Hohe Trinkwasserbelastung seit 27 Jahren bekannt

Behörde lässt Basler seit Jahrzehnten von Deponien belastetes Wasser trinken

Referat von Matthias Wüthrich, Chemiekampagne Greenpeace anlässlich der Pressekonferenz vom 15.2.2007

Im letzten Sommer hat Greenpeace eigene Analysen veröffentlicht und im Trinkwasser der Hard mehrere Deponie-Chemikalien nachgewiesen. Unter dem Druck der Ã-ffentlichkeit heisst es bei den Baselbieter Behörden plötzlich, dies sei schon von früher bekannt. Ein Zusammenhang mit der Deponie könne aber nicht hergestellt werden und das Trinkwasser sei nach wie vor nicht in Gefahr.

Die heute vorgestellte Studie belegt: seit 1980 weiss man im Kanton Basel-Land von der hohen Trinkwasserbelastung. Und seit mindestens 27 Jahren geht man davon aus, dass für diese Trinkwasserbelastung die Muttenzer Deponien mitverantwortlich sind. Für die Ã-ffentlichkeit sind diese Informationen und Zusammenhänge neu.

Behörden und Chemie wissen, doch handeln sie nicht âEUR” obwohl das Unbehagen und auch der Ruf nach Totalsanierungen schon damals laut geworden sind. Insofern zeichnet die Recherche von Martin Forter auch ein Bild einer Region Basel, die auf Gedeih und Verderb mit dem Aufstieg und den Aktivitäten der Basler chemischen Industrie verbunden war: Man schätzt den Wohlstand, der dank der Chemischen Industrie über Basel kommt und sieht die Umweltverschmutzung, die durch die Chemie-Tätigkeit einher kommt. Aber man handelt nicht. Man ist in den 1950ern stolz auf die neue Trinkwasseranlage in der Hard, mit der man noch heute Trinkwasser aus dem Boden pumpt âEUR” und trotzdem lässt man die Chemie in unmittelbarer Nähe der Trinkwasserpumpen ihren giftigen Chemieabfall via Deponien ins Grundwasser kippen. Auch heute noch pumpt man aus der Hard Wasser hoch, das von über 200′000 Menschen in der Stadt und Umgebung Basels getrunken wird. Die Deponien sind inzwischen zugedeckt, doch deren Chemikalien laufen bis heute ins Grund- und Trinkwasser aus. Und effektiv gehandelt hat man im Baselbiet bis heute nicht…

Aufgrund der Greenpeace-Intervention vom letzten Sommer werden einige Trinkwasser-Analysen gemacht. Ob sie dies auch bei allen Trinkwasserbrunnen und Grundwasserrohren getan haben, die 1980 als gefährdet eingestuft wurden, ist uns im Moment nicht bekannt. Seit unserem Nachweis von Deponie-Chemikalien im Trinkwasser gilt die Feldrebengrube zwar als sanierungsbedürftig âEUR” doch das Trinkwasser ist gemäss Chemie und Behörden nach wie vor nicht in Gefahr. Effektiv gehandelt wird noch immer nicht. Statt dessen wird verharmlost, wie seit eh und je.

Aktuellstes Beispiel: In der regierungsrätlichen Antwort vom 30.1.07 auf eine Interpellation zu Trinkwasser spricht das Baselbieter Kantonale Laboratorium, welche als Trinkwasserbehörde die Regierungsantwort in erster Linie verfasst hat, von subhomöopathischen Chemikalien-Konzentrationen. Das ist eine irreführende Untertreibung und entspricht nicht dem Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Auch wenn âEUR” oder gerade weil âEUR” viele Fragen noch unbeantwortet sind, ist das Risiko für den Trinkwasserkonsumenten damals wie heute real. Ohne konkrete Handlung wird das Risiko auch in Zukunft bestehen bleiben. Das ist aus unserer Sicht untragbar.

Es ist typisch, dass in der Regierungsratsantwort mehrfach von Amtsgeheimnis die Rede ist. Das Kantonale Laboratorium behilft sich offenbar des Amtsgeheimnisses, um öffentlichkeitsrelevante Informationen zu Trinkwasser nicht herausgeben zu müssen. Hinter dem Amtsgeheimnis versucht das Kantonale Laboratorium aber auch zu verstecken, dass es jahrzehntelang an der Trinkwasser-Verschmutzung vorbei gemessen hat und sich schlicht nicht angemessen, um die Verschmutzung in diesem hohen Gut gekümmert hat. Skandalös: Anstatt zum Schutz der 200′000 Wasserkonsumenten zu handeln, will sich die Trinkwasserbehörde auch heute noch hinter dem Amtsgeheimnis verstecken. Doch jetzt wissen wir, was sich hinter dem Amtsgeheimnis verbirgt: die jahrzehntelange Mitwisserschaft, dass Deponien das Basler Trinkwasser verschmutzen.

Die Bedeutung für den Trinkwasserkonsum ist enorm. Erstens fühlt man sich von Chemie und Behörden getäuscht. Und zweitens hat die Ã-ffentlichkeit jetzt ein Recht zu wissen, wie sich die chronische Exposition gegenüber einem solchen Deponie-Chemikaliengemisch auf die Gesundheit auswirken kann über all die Jahre des Trinkwasserkonsums. Die zentrale Frage bleibt: Wie lange tischt man uns in Basel mit Chemikalien aus Deponien belastetes Wasser auf? Jetzt muss endlich gehandelt werden:

Das Forum besorgter TrinkwasserkonsumentInnen und Greenpeace fordern daher gemeinsam sofortige Massnahmen zum Trinkwasserschutz:

  • Trinkwasser-Reinigung: Das Wasser aus der Hard muss wegen der Chemikalienbelastung vorgereinigt werden, bevor es an die Haushalte abgegeben wird. Eine zweckmässige Aktivkohlefilteranlage steht einsatzbereit in der Langen Erle, über die das meiste Trinkwasser aus der Hard durchgeleitet wird.
  • Systematische Trinkwasser-Untersuchung: Das Trinkwasser muss mittels Screening von Sammelproben systematisch auf Deponie-Chemikalien überprüft werden. Dabei müssen auch alle diejenigen Trinkwasserbrunnen untersucht werden, die bereits im Jahr 1980 als gefährdet eingestuften wurden.
  • Daten-Offenlegung: Alle Daten bezüglich des Trinkwassers, die noch nicht öffentlichen sind, müssen schleunigst veröffentlicht werden. Das betrifft die Analysen durch das Kantonale Laboratorium BL, Gemeinde Muttenz, Hardwasser/IWB und der Chemie und insbesondere die Laboranalysen ab 2005.
  • Untersuchung der gesundheitlichen Langzeitauswirkung: Bis jetzt ist unbekannt, wie sich der langfristige Konsum des mehrfach belasteten Trinkwassers in der Vergangenheit bis heute auf die menschliche Gesundheit auswirken kann. Mittels epidemiologischer und toxikologischer Studien muss dies nun untersucht werden.
  • Bezüglich der gefährlichen Chemiemülldeponien um die Trinkwasserversorgung in Muttenz gibt es nur eines:

  • Totalsanierungen der Chemiemüll-Deponien: aller gefährliche Chemiemüll muss umgehend ausgegraben und nach bestem Stand der Technik nachhaltig entsorgt werden.
  • Verursacherprinzip: Die Totalsanierungen müssen in Anwendung des Verursacherprinzips verbindlich auf Kosten der Verursacher Novartis, Ciba, Clariant und Syngenta erfolgen.
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